Ein neuer Assistent

In letzter Zeit gibt es öfter Engpässe in meinem Assistenz-Team. Der Pflege-Träger hat reagiert und nach neuen Unterstützern gesucht. Letzte Woche hat sich einer vorgestellt. Es ist kurios!

Ich bin zwar erst 31 Jahre alt, aber plötzlich sind die meisten Assistenten die sich bei mir vorstellen jünger als ich. Das hat gute und schlechte Seiten: Die jüngeren sind meist gesprächiger und noch nicht so voreingenommen. Die älteren haben oft mehr Selbstsicherheit. Es ist ein Für und Wider. Morgen stellt sich der neue Assistent seiner neuen Aufgabe zum ersten Mal. Er wird eingelernt. Dieses einführen in das Pflege – Handwerk geschieht immer durch einen erfahrenen Helfer, der schon länger bei mir ist. Ich entscheide, wer „dem Neuen“ zeigt, wie und wo er Hand anlegen muss. Dadurch stelle ich sicher, dass sich Fehler nicht „fortpflanzen“ können. Ich lasse das den Assistenten tun, von dem ich den Eindruck habe, dass er am gründlichsten ist.

Ich hatte diese Situation schon viele Male. Ich glaube, in den fünf Jahren die ich jetzt zu Hause bin und in denen ich das Leben mit Assistenz führe, hatte ich 17 Assistenten in meinem Schlafzimmer stehen. Eine ganze Menge sollte man meinen. Dem ist aber gar nicht so! Es gibt Gruppen, da fluktuiert es noch mehr! Bei denen wechseln 17 Assistenten pro Jahr!

Für mich ist so ein „Kennenlernen“ immer so eine Sache. Zum einen habe ich keine Wahl. Ich brauche Assistenz, ohne kann ich nicht selbstbestimmt leben. Gleichzeitig mutet es mir seltsam an, dass jemand, den ich vorher vielleicht eine halbe Stunde zu einem Gespräch getroffen habe, am nächsten Morgen plötzlich in meinem Schlafzimmer steht. Die Scham davor, nackt vor einem Fremden zu liegen, habe ich längst abgelegt. Wie jemand anderes ihm zeigt, wie er mich pflegen muss, bereitet mir auch keine Schwierigkeiten. Aber mein Procedere am Morgen geht ja noch weiter!

Ich habe morgen meinen so genannten „Bauch – Tag“. Das ist der Tag, an dem ich abführe, also meinen Darm entleere. Da wird es so sein, dass ich mich auf die linke Seite drehen lasse, eine Unterlage liegt hinter mir. Der „alte Hase“ wird dem neuen Assistenten zeigen, wie er mir das Zäpfchen einführen muss. Wenn ich darüber nachdenke, dann weiß ich nicht, ob ich das gewusst hätte, hätte man es mir nicht gezeigt. Also ich meine, ist ja klar wo das reinkommt. Aber wie man jemanden richtig anfasst, das hätte ich wahrscheinlich nicht gewusst.

In mir brodelt es im Zuge dessen ein wenig. Denn wie gesagt, einerseits ist das für mich fast schon Routine. Andererseits verletzt das meine Intimsphäre aufs Schlimmste. Dass ich damit zu kämpfen habe, ist nur menschlich. Am Ende der Prozedur wird es so sein, dass sie das Zimmer betreten und ich da liege auf meinem Bett, mein „Geschäft“ hinter mir. Man wird mich sauber machen und am Ende „digital“ nachtasten. Das klingt so schön professionell finde ich, „digital“. Dabei bedeutet es einfach nur „Finger in Po, Mexiko!“. Ist das erledigt, lasse ich mich waschen und gehe meines Weges. Sozusagen.

In mir schwelt dann immer eine gewisse Unsicherheit. Was denkt der Neue wohl, wenn er mich so sieht? Hat er das erwartet? Der Träger informiert die Assistenz-Bewerber eher ungenügend. Das erledige ich dann beim Kennenlern-Gespräch. Allerdings habe ich immer das Gefühl, ich müsste betonen, dass es total in Ordnung ist, wenn der neue Assistent danach einfach wieder geht. Ich will einfach keine Überraschungen erleben. Interpretiere ich da und denke ich jetzt wieder für mein Gegenüber? Oder könnte es einfach mein Schuld – Komplex sein. „Oh mein Gott, ich bin ja so behindert! Wie dankbar ich sein muss, dass sich jemand meiner annimmt. Hoffentlich stoße ich ihn nicht vor den Kopf! Er wird bestimmt entsetzt sein, wenn er mich so sieht.“ Wenn ich das so lese was ich gerade geschrieben habe, könnte ich kotzen. Das hört sich so Selbstmitleidig-Scheiße an und ist totaler Humbug!

Der bewirbt sich um die Pflege eines Schwerbehinderten! Dessen ist er sich bewusst und wenn nicht, dann ist er ein Idiot. Ist also nicht mein Problem. Schwerbehindert? Richtig, das bin ich. Na und? Ist doch in Ordnung und bitte, hätte ich eine andere Möglichkeit auf die Toilette zu gehen, würde ich sie doch nutzen, oder? Es ist also absoluter Schwachsinn, dass ich mir deswegen Gedanken mache. Den morgigen Tag und seinen Morgen wird nichts von all den anderen Tagen unterscheiden. Denn ich bin jeden Tag so – einfach ich.