Neue alte Sitzung

Mir wurde gesagt, ich solle doch mal wieder etwas schreiben. Das passt, denn gerade versagt mir aufgrund einer Erkältung die Stimme. Dabei gibt es durchaus einiges zu erzählen!

So weit war ich vorletzte Woche mit meinem Text immerhin gekommen. Da konnte ich noch nicht ahnen, dass aus der Reibeisen-Stimme ein glatter Erkältungsinfekt werden sollte. Ich lag flach und hatte, mal wieder, viel Zeit über dieses und jenes nachzudenken. „Na endlich!“.

Vor mittlerweile drei Wochen kam ich aus der Klinik zurück. Ich hatte dort nur einen kurzen Aufenthalt zu absolvieren. Durchchecken lassen, wieviel fasst die Blase, solche Sachen. Ein großer Punkt war die Optimierung meines Darmmanagements. Mittlerweile dauert meine Morgenroutine mit abführen, waschen und anziehen drei Stunden. Das ist mir echt zu lange und auch nicht immer von Erfolg gekrönt.

Ich habe im Krankenhaus also erst mal Duschrollstühle probiert. Transfer hin, Transfer her, gemacht, getan. Tags darauf geht es los. Ich werde nackt auf den Duschstuhl hinübergeliftert. Wir, die zwei Schwestern und ich, beginnen heute erst um neun. Denn für das ganze Prozedere sind mehrere Stunden angesetzt und sie wollen den gastrokolischen Reflex ausnutzen, der durch das Frühstück ausgelöst wird. Der Lifter hebt mich also in schwindelerregende Höhen. Mein Kreislauf bleibt da fürs erste am Boden. Ich atme tief durch und pfeife ein Lied. Ein Zeichen für die Schwestern, dass ich voll bei Bewusstsein bin. Ich lande etwas schief in dem wackeligen Kunststoff-Gestell, das sich Duschstuhl schimpft. Ich werde an der Hüfte gepackt, eine Schwester greift mir unter den Oberschenkel. Die andere setzt sich auf den Boden und sieht „von unten“ nach, ob ich auch „klokonform“ sitze.

Das ist für den Bruchteil einer Sekunde ein Schluckmoment. Dieses versachlichen, dieses ignorieren der Tatsache, dass meine Intimsphäre seit Jahren nur noch Makulatur ist. Mein Hirn möchte jetzt gerne mit mir über Würde sprechen. Ein anderer Konjunktiv widerspricht: „Wenn du jetzt Zeit hättest, dann…“. Ich switche also zurück ins Reallife. Und sitze mittlerweile richtig. Zwei andere Schwestern sind hinzugekommen. Zum Smalltalk. Man kennt sich ja. Ich beginne derweil meine Sitzung. Resilienz ist, so glaube ich, wenn man drauf scheißt. Irgendwie passend.

Die Sitzung gestaltet sich zu Anfangs noch kompliziert, weil die Routine fehlt. Das Darmspühlsystem das ich teste, funktioniert voll elektronisch. Das schützt mich vor dem Faktor Mensch zuhause, denn nichts bleibt dem Zufall überlassen, ich kann alle Parameter wie die einzufüllende Wassermenge und die Ballongröße selber einstellen. Der Apparat besteht aus einem Wasserbehälter, einem Schlauch hin zum Gerät, das aussieht wie so ein Etikettiergerät im Supermarkt und einem weiteren Schlauch hin zu einem Katheter. Den führt die Schwester ein, was wieder nicht ohne ist. Denn sie kniet dabei vor dem Stuhl. Vorher tastet sie noch nach, ob sich noch der andere Stuhl am Darmausgang befindet.

Jedenfalls sagt sie, dass sie das gemacht hat. Gefragt oder angekündigt hat sie nicht, ob ich möchte, dass sie mir den Finger in den Hintern steckt. Ich übergehe das im Kopf, denn viel offensichtlicher sind die vier Schwestern, die mittlerweile vor mir stehen. Die kennen das System auch noch nicht. Ich schüttele innerlich den Kopf, ich brauche Ablenkung. „Hey Siri!“ Die Damen schauen verwundert. „Mach Musik!“