Aus meinem Alltag

Rückzug:
Zurück zu mir

Jetzt habe ich gerade etwas interessantes über Schmerzen gelesen, was ich aber eigentlich schon wusste: Wenn jemand chronische Schmerzen hat, zermürbt ihn das mit der Zeit – physisch und auch seelisch.

Man zieht sich zurück und meidet die Außenwelt. Ich überlege gerade, ob das mir passiert ist, ohne dass ich es bemerkt habe.

Wenn ich überlege, wie oft ich noch Freunde sehe, dann ist die Antwort eindeutig  ja. Wenn ich danach gehe, wie oft ich angerufen werde, dann wahrscheinlich auch. Die Frage ist jetzt, was mache ich dagegen? Ich habe so viele Fronten, ich weiß schon nicht mehr wo ich anfangen soll. Aber die Schmerz – Geschichte ist wahrscheinlich die wichtigste. Ich kann ja so nicht mehr klar denken. Jeden  morgen wache ich auf und das erste was ich spüre, ist mein Bauch, meine Hüfte, mein Rücken die mir weh tun.

Ich glaube, damit fange ich an! Ich rufe heute mal bei der Schmerz-Ambulanz an. Ich habe zwar Angst davor, wieder mit den Schmerzmitteln rumzuprobieren, aber etwas anderes bleibt mir nicht übrig.

Schlimmer geht (n)immer:
Eine heftige Nacht

Ich wache auf und wie unter Krämpfen streckt es mich durch. Habe ich überhaupt geschlafen? Ich sehe auf die Uhr. Gott, bin ich müde! Mein Linkes Nasenloch hat sich verschlossen. Das Beatmungsgerät ignoriert das und pumpt stetig dagegen. Mir ist warm. Zu warm. Die Scheiße macht mich mürbe. Es sind diese Augenblicke in meinem Leben, wo ich nicht mehr will und mir vorstelle, wie einfach es wäre, das zu beenden.

Wenn es denn so einfach wäre – was rede ich da? Es fühlt sich an, wie wenn deine Steisbeinprellung den Hexenschuss trifft – lasst alle Hoffnung fahren! Klar, ich kann mehr Schmerzmittel nehmen. Um dann neue Schmerzen durch den Darm zu bekommen? Und nicht mehr Herr meiner Sinne zu sein? Ein Wrack… jetzt fürchte ich mich vor mir selber. Nein, Danke! Während ich das schreibe, geht das zweite Nasenloch zu. Ich wecke jetzt meine Freundin. Ein Lichtblick.

Dauerlauf:
Zwerg Nase liegt vorn

Schneller als meine Nase läuft nur die Waschmaschine gerade im Hintergrund.  So eine sich anbahnende Erkältung kann natürlich auch eine Folge der letzten Tage und Wochen sein.

Durch den ganzen Stress – Training, Arbeit, Strukturen für einen „normalen“ Tagesablauf schaffen – wurde mein Körper doch nicht so gestärkt wie ich dachte. Ich hab’s wohl ein bisschen übertrieben mit dem „Von morgens bis Abends“-Marathon. Einer mit Querschnitt ist anscheinend schneller durch, so rein körperlich, als ein gesunder Mensch.. Klingt irgendwie logisch wenn ich das jetzt so lese. Muss ich vergessen haben.

Ich büße meinen Irrtum jetzt mit der spektakulären Hühnerbrühe meiner Freundin. Es gibt schlimmere Arten, aus Fehlern zu lernen. Das nächste Mal mache ich es anders. Ist okay. Wohl bekommts!

Vom Regen in die Traufe:
Eine madige Woche

Es ist Freitag, die Woche ist gelaufen. Heute ist Tag drei oder vier an dem „es“ nicht funktioniert. Mein Kreislauf hängt wieder im Tal und mir ist kalt. So unsäglich kalt. Ich zittere die ganze Zeit, mein Bauch fühlt sich kühl an. Irgendwie scheint er alle Energie an sich zu ziehen.

Normalerweise deutet das Zittern auf einen  Harnwegsinfekt hin.  Mit dem Zittern fängt es an, später folgt vielleicht Kopfweh. Zumindest steigt meine Temperatur auf bis zu 39,6 Grad an, bevor sie wieder runter geht.

Heute ist das aber nicht der Fall. Blutdruck und Puls hängen tetraplegisch zuverlässig gut 15% niedriger als beim normalen Menschen. Wenigstens eine Sache auf die ich mich verlassen kann. Sorgen adé, Wärmflasche ahoj!

In der Nacht:
Der Kopf schlägt um sich

Es ist nach Mitternacht – Und die Gedanken ruhen nicht. Was soll nur werden? Wo führt das alles hin? Bis letztes Jahr war es nur das körperliche Unvermögen, das mich belastete. Eine nervtötende Beschränkung, die es zu überwinden galt. Aber seitdem die Schmerzen da sind, ist alles anders.

Ich habe viele Medikamente ausprobiert. Alle wirkten sie gegen meinen Geist, gegen mich, schwächten mich. Durch höhere Dosen ging der Schmerz, aber der Nebel kam. Ich war nicht mehr der Herr meiner Sinne, konnte nicht mehr mit der Welt agieren. Außerdem betäubten die Mittel nicht nur mein Wesen, sondern auch den Darm und verhinderten so dessen Bewegung. Das führt wieder zu Verstopfung und das zu noch mehr Schmerz. Dazu kommt, dass ich Nachts an einer nicht invasiven Beatmung hänge, ich trage eine Maske. Alle vier Stunden muss sie befüllt werden, ich schlafe nie durch. Aber ich muss mich nach zirka fünf Stunden lagern, das entfällt dann ja sowieso.

Ein positiver Gedanke dabei: Trotz alledem bin ich nicht allein. Viele stehen mir bei, nur ich setze mich unter Druck. Es ist hart gerade. Ich muss einen Sinn in all dem finden. Bevor es mich auffrisst. Ich versuche jetzt etwas Schlaf zu finden.

Unsicherheit:
Schon wieder nicht in die Arbeit

Donnerstag – Es ist zum aus der Haut fahren! Heute könnte ich endlich wieder durchstarten, raus aus meiner Wohnung ins Büro!
Ich habe mir vorsichtshalber sowieso nur wenig eingetragen, also nur zwei Termine – Das muss doch klappen!

Aber leider macht mir der Darm einem einen Strich durch die Rechnung. Mein Darm-Management sagt, dass „es“ heute dran wäre. Aber „es“ will nicht! „Nicht schon wieder!“ resigniere ich und fange an zu tippen.

Verstopfung plagt uns Querschnittgelähmte irgendwann ja alle. Und es ist absolut möglich, eine Lösung dafür zu finden. Aber es braucht unglaublich viel Zeit und Durchhaltevermögen.

Darüber hinwegsehen geht aber ja auch nicht. Das macht mich oft fertig und lässt mich dann an allem zweifeln. Nicht auszudenken, wenn während eines Termins unter Menschen irgendetwas „Unvorhergesehenes“ passieren würde. Wobei, unvorhergesehen wäre es ja heute gar nicht. Ich muss lachen! Letzten endes schwächt mich das ganze sehr. Mein Kreislauf fährt runter und meine Körpertemperatur auch. Ab 36 Grad kommt das zittern.

Zugegeben, wir sitzen ja auf unseren Hintern. Insofern gibt es da durchaus Reaktionszeiten bevor „es“ passieren kann, je nachdem wie schwer und träge derjenige ist. Galgenhumor.

Also wird heute wieder ein Tag sein, an dem ich zu Hause bleibe. Aber vielleicht ist das am Ende auch eine Art von „Arbeit“? Ich versuche heute mal, deswegen nicht unzufrieden mit mir zu sein. „Vielleicht lieber produktiv?!“ denke ich mir und gebe diese Erfahrung hier weiter.