Die Angst vor dem Unbekannten:
Spekulation und Schwachsinn

Ich habe keine Angst davor, vor Dingen Angst zu haben. Ich sehe das als Zeichen des Respekts vor einer Aufgabe. Und zumindest meistens ist es doch so, dass diese „Angst“ schlicht auf einer großen Unkenntnis beruht.

Das Kind, das noch nie bei einer Schulaufführung mitgemacht hat, empfindet die Menge an Zuschauern vieleicht als verstörend. Und hat Angst zu versagen. Am Ende findet es vielleicht Gefallen daran und macht weiter.

Der Schüler, der das erste mal ein Referat vortragen soll, schüttelt sich bei dem Gedanken daran, vor seinen Peinigern, die ihn wegen seiner Plautze immer hänseln, einen Vortrag zu halten. Und am Ende spricht ihn die Klassenschönheit an, ob er ihr mal beim lernen helfen kann.

Der Absolvent, der die ersten Schritte im Berufsleben geht, bekommt die Chance auf sein erstes großes Projekt. Er hat Angst vor dem Unbekannten, aber stellt sich dem. Es kann sein, dass er Glück hat und alles auf den ersten Versuch hinhinhaut. Oder es geht nicht so schnell wie (von ihm) gewünscht voran und er macht zu viel. Er schlägt sich die Nächte um die Ohren und setzt sich selber einem immensen Leistungsdruck aus. Vielleicht „versagt“ er am Ende.

Aber versagt er wirklich? Oder kennt er sich danach einfach nur selber besser? Hat er gelernt, dass man Projekte, auch im Alltag, nicht alleine schultern muss? Dass seiner eigenen Kompetenz und Kraft Grenzen gesetzt sind? Dass er sich das nächste Mal Unterstützung holt? Er ist auf jeden Fall klüger als vorher.

Und genauso verhält es sich bei mir, einem Querschnittsgelähmten. Ich möchte echt gerne mal verreisen, wegfliegen. Das ist für mich ein immenser Kraftakt, vor dem ich tatsächlich Angst habe. Ohne genau zu wissen, wovor eigentlich.

Die Planung schaffe ich, da hole ich mir Hilfe von einem speziellen Reisebüro. Das habe ich schon gelernt, dass ich das nicht alleine können muss. Ein Hotel und einen Transport-Dienst am Zielflughafen kann ich auch organisieren. Genauso wie einen „Kran“ für den Transfer vom Rollstuhl ins Bett.

Das Unbekannte, das mir Angst macht, ist das nicht-planbare. Werde ich mit zwei Metern Körpergröße zwischen die Sitzreihen passen? Lassen mich die Helfer am Flughafen beim übersetzen vielleicht fallen weil ich so schwer bin? Der Gedanke ist interessant, denn die „Helfer“ könnten ja auch einfach inkompetent sein. Stattdessen ein kleiner Seitenhieb auf mein Gewicht. Kopfschütteln.

Verschlucke ich mich an einer dieser in Zellophan verpackten Werbegeschenk-Erdnüsse und muss zwischen den Sitzreihen reanimiert werden, während der Pilot sich am Whiskey verschluckt, als er vom Vorgehen in seiner Maschine hört, daran erstickt und das Flugzeug abstürzt? Die Eskalationsleiter ist unendlich! Und ich wäre auch noch schuld an allem!

Aber Scherz beiseite. Am Ende ist das dieses Quäntchen Ungewissheit, das ich überwinden muss. Ich muss es tun! Nur so erfahre ich, was möglich ist. Das ist wie einen Blog über mich selbst und meine Schwächen im Alltag zu schreiben. Was mir das persönlich gebracht hat, habe ich erst erfahren, als ich es getan habe.

Ich nehme meiner Psyche selbst den Wind aus den Segeln. Ja, für die meisten ist es normal, auf die Toilette zu gehen um das „Geschäft“ zu verrichten. Das muss irgendwann einmal jemand erfunden haben. Warum das ganze „Geschäft“ heißt? Der Gedanke bleibt jedem selbst überlassen (Ich weiß jetzt schon, dass mich diese Frage den ganzen Tag verfolgen wird).

Menschen wie ich (Wieder eine Möglichkeit für einen Seitenhieb? Oder eine Tatsache?) machen das mithilfe von Abführmitteln, anderen Menschen und einer Menge Lesestoff und Kaffee alle zwei Tage im Bett. Unvorstellbar? Allerdings. Weicht die Menge an Kaffee im Verhältnis zum verwendeten Wasser nur einmal ab, kann dir das den ganzen Tag versauen! Wer mag schon schlechten Kaffee? Ist doch normal, oder?