Der SitzMann und der StehAufMensch

Ich lese gerade „StehAufMensch“ von Samuel Koch, der vor ein paar Jahren bei Wetten dass… verunfallte und seitdem als Tetraplegiker unterwegs ist. Fast zeitgleich kommt diese Woche der Autor Florian Sitzmann nach Regensburg. Er sitzt seit vielen Jahren ohne Beine im Rollstuhl und ebenso erfolgreich im Leben.

Sie beide haben mich dazu inspiriert, mir meine Geschichte seit dem Unfall im positiven vor Augen zu führen. Das klingt dann folgendermaßen:

Ein paar Jahre ist es jetzt her. Die Zeit vergeht schnell und alles verändert sich. Ich mich auch. Es war der 3. Juni 2013 an dem sich alles neu ausrichten sollte. Auf dem Rückweg von einem Wochenende in Österreich mit Freunden verunfallte ich auf nasser Fahrbahn. Mein Beifahrer blieb unverletzt und ich brach mir zwei Halswirbel. Diagnose: komplette Tetraplegie ab unter dem fünften Halswirbel. Alle vier Gliedmaßen betroffen. „Keine Hände, keine Schokolade“ hat mal jemand gesagt.

Diesen Satz akzeptierte ich nicht. Ich verbrachte ein Jahr im Krankenhaus. Dort lernte ich aus vollkommener Immobilität heraus wieder selber zu essen und zu kochen, mich zu waschen und das Maximum für mich herauszuholen. In zwei Reha-Einrichtungen ging ich physisch und psychisch an meine Grenzen, lernte Menschen mit und ohne Behinderung kennen, mit denen ich sonst nie in Kontakt gekommen wäre.

Mit Hilfe meiner Familie zog ich in eine barrierefreie Wohnung, zurück in meine geliebte Heimatstadt Regensburg. Dort setzte ich mich erst zögerlich, dann immer mehr den Blicken meiner Mitmenschen aus und startete mit meinem neuen Leben durch. Ich stürzte mich zurück in mein Studium und erkannte nach einem Jahr, dass ich das so nicht mehr wollte. Ich verschob den Gedanken daran auf später und begann 2015 als Trainee meinen Hausdurchlauf im Verlag meiner Familie.

Mit der Zeit veränderte sich mein Körper und ich baute physisch ab. Die Try-and-Error-Taktik lässt der Körper nur begrenzt über sich ergehen. Neben Druckstellen an den Füßen durch die Spastik bekam ich Harnwegsinfekte. Ich ließ mir in neun Monaten Schuhe anpassen. Nach dem unstetigen Selbst- und Fremdkatheterisieren, fremdhändisch angebrachten Urinalkondomen und Dauerkathetern, ließ ich mir 2015 die Blase punktieren. Die Infekte wurden weniger, die Spastik blieb. Die Ärzte spritzten mir Botox in die Füße und Beine und schließlich in die Blase.

Als das nicht mehr half und die Nebenwirkungen der Medikamente meinen Geist zu verändern drohten, entschied ich mich 2016 für eine implantierte Medikamenten-Pumpe. Die dadurch erst mögliche, sehr niedrige Dosierung der Medikamente war traumhaft! Sehr zu meinem Leidwesen bekam ich dort aber den falschen Blutverdünner in zu hoher Dosierung angesetzt. Eine Hirnblutung 2017 folgte und ich fand mich zum x-ten Mal in drei Jahren im Krankenhaus wieder – halluzinierend, schielend, schwindelnd, immobil. Zum ersten Mal gefühlt richtig behindert.

In den nachfolgenden Wochen auf der Intensiv- und Normalstation ging es mir sehr schlecht. Ich konnte mein Essen nicht behalten und nahm in kürzester Zeit 25 Kilo ab. Meine Augen, der Schwindel und der fehlende Geschmacksinn wurden mir als möglicherweise lebenslang anhaltend prognostiziert.

Aber ich gab nicht auf. Täglich versuchte ich zu essen und erbrach mich. Ich ließ mich in einem Pflegerollstuhl auf den Balkon schieben und blickte stundenlang auf den selben Schilfhalm, um meine Sicht und das durch den Schwindel verursachte umkippen neu auszurichten. Bis mir jemand sagte, der Halm wäre schief gewachsen. Ich wechselte also zum Rododendron daneben. Der hatte mehr Zweige. Irgendeiner würde schon gerade sein.

Daheim folgte die Physiotherapie im Bett, auf dem Bett, an der Bettkante und schließlich wieder im Rollstuhl. Meine Ergotherapie bestand aus dem wohl geschätzten täglichen Marmeladenbrot. Meist in anstatt neben der Kaffeetasse. Aber ich hatte es zurückgeschafft!

Dann begannen die Schmerzen und ich fiel in ein Loch. Die Nebenwirkungen der Medikamente beeinflussten meinen Geist und Körper und meine Atemmuskulatur wollte nicht mehr wenn ich schlief. Ich musste reagieren: eine Beatmungsmaschine, ein optimiertes Darmmanagement und eine Odyssee durch die Schmerztherapie ebneten letzten Endes meinen Weg hin zu einem heute erträglichen Schmerzempfinden. Mit den Nebenwirkungen muss ich leben. Da gibt es nichts zu rütteln.

Ich fühlte mich allein, also suchte ich mein Pendant, meine bessere Hälfte. 2017 fand ich sie, 2018 zog sie mit ihrem Sohn zu mir. Sie ging ein hohes Risiko ein und ehrt mich und meine Bemühungen um ein möglichst normales Leben mit diesem vertrauensvollen Schritt bis heute und hoffentlich auch in Zukunft unendlich.

Ich begann eine Psychotherapie und meine Verarbeitung der letzten 30 Jahre. Und machte sehr schnell Fortschritte in meiner Persönlichkeitsentwicklung, die zu sehen ich mir mittlerweile auch selber zugestehen kann.

Der mir liebste Mensch, meine Großmutter, starb im August 2018. Aber ich kann heute schon erkennen, dass damit genauso viel kam als ging. Es wurde Zeit für mich, selbstständiger zu werden und vor allem verantwortungsbewusster mit meinen eigenen Ressourcen umzugehen.

Ich versuche bis heute, mein altes Anspruchsdenken hinter mir zu lassen und meine Ziele für mich und meinen Gesundheitszustand adäquat zu formulieren und dann auch zu erreichen. Das braucht viel Zeit und Energie. Aber die habe ich, denn ich gebe sie mir. Und, welch glückliche Fügung, ich bin nicht alleine.