Auf diesem Lokus lebt ein Geist…

Ich sitze gerade auf der Toilette – und weine Tränen des Glücks und des Leids zugleich. Zwei Dinge über die Mann nicht redet. Aber ich muss, sonst explodiere ich. Denn heute ist ein denkwürdiger Tag, ein besonderer Morgen für mich.

Ich habe mich überwunden und sitze auf meinem Duschstuhl. Das erste mal, dass ich einen verwende! Ich habe nämlich noch nie außerhalb des Krankenhauses geduscht. Obwohl meine Dusche daheim immer barrierefrei war. Zu grausam war der Anblick für mich. Der Duschrollstuhl stieß mich ab – ein klinisches Gerät, ein Symbol der Unfähigkeit und des Minderwerts.

Zu erniedrigend war es, wenn der Assistent vor mir kniete, um ein Abführzäpfchen einzuführen. Denn dann musst du den Menschen ins Gesicht sehen. Du bist Zeuge, wie ein fremder Mann all das Intime für dich verrichtet, das du früher selber gemacht hast. Im Bett geschieht das alles „hinter deinem Rücken“. Du kannst ihn auch nicht wegschicken, wenn das Abführmittel seinen Dienst tut, denn zu sehr belastet das Prozedere den Kreislauf. Die Gefahr, beim scheißen ohnmächtig zu werden…das lässt mich grinsen. Zu komisch das Ganze! So surreal…hilflos. Kafka wäre stolz.

Aber jetzt sitze ich da und warte. Ich kann es kaum erwarten, das wohlig warme Wasser der Regen-Dusche (das Ding steht da seit drei Jahren und fleht geradezu um Verwendung) auf meinen Schultern zu spüren. Verdammte Scheiße, ja! Ich hab’s durchgezogen! Egal ob das heute von Erfolg gekrönt ist oder nicht. Ich bin jetzt glücklich. Und heule erst mal weiter. Lachend. Keine Ahnung.

Gerade habe ich überlegt, ob ich sagen kann, dass meine Psyche hier unmenschliches leistet. Ich glaube nicht, nein. Das hier ist glaube ich zutiefst menschlich. Heute bin ich voll Mensch.