(K)eine Lust am Leben

„Ich sitze hier. Und sehe zu. Regungslos. Wie sie versuchen, ihr Goldfischglas zu füllen. Mit Leben? Ich soll es ihnen gleichtun. Das setzt mich unter Druck, unter Stress. Es setzt mich der Abhängigkeit aus, macht mich ohnmächtig. Oder kann ich meiner Handlungsunfähigkeit selber Grenzen setzen? Was passiert denn, wenn ich auf all die Gefallen, die Hilfe verzichte? Wenn ich mich so eingeschränkt fühle und das Leiden so groß ist: was macht mein Leben lebenswert?“

Der Lebenswert VS. die Lebenslust

Ein Thema, das mich seit einiger Zeit regelrecht verfolgt. Das Erste hat unbestritten Bestand. Leben hat immer einen Wert. Oder? Was ist überhaupt Leben und was ist ein Wert?

Leben kann irgendwie alles sein. Alles, was „geboren“ wurde. Oder was existiert? Pflanzen leben ja auch und haben einen (Lebens-)Sinn, im wahrsten Sinne des Wortes. Steine nicht. Außer, sie bilden eine Mauer. Das macht keinen Sinn. Der Sinn alleine kann also noch nicht Grundstock für Leben sein. Oder? Was sagen die Buddhisten? Oh Gott! Jetzt muss ich lachen. Die Religion wollte ich hier jetzt nicht mit reinnehmen, da wird’s kompliziert.

Dann die Sache mit dem Wert. Nach Duden-Definition ist das „einer Sache innewohnende Qualität aufgrund derer sie (…) begehrenswert ist“. Ist ja witzig, von Mensch steht da gar nichts! Wahnsinn, mit welcher Leichtfertigkeit mit dem Wort umgegangen wird! Und wie schwerwiegend der falsche Umgang damit enden kann.

Lebenslust ist da schon ein anderer Begriff. Beide Worte, Lebenslust und -Wert, teilen sich die erste Hälfte. Und auch die zwei anderen Hälften sind kurioserweise miteinander verbunden. Während der Wert etwas ist, dass jeder selber bestimmt, ist die Lust etwas, dass dem Vorgang des Erreichens eines Wertes im Weg stehen kann. Wer erinnert sich nicht an seine Schulzeit? „Ich habe keine Lust, etwas zu lernen, etwas zu werden!“

Auf gut Deutsch: „Ich möchte mich deinen Konventionen nicht unterwerfen, deinem Wertesystem. Mein Lebenswert sieht gerade anders aus, akzeptiere das.“ Ist es ein Problem, wenn ich das heute als mündiger Erwachsener sage und nicht mehr als Kind? Darf ich als Querschnittgelähmter den forschen Ausspruch tun: Ich möchte nicht mehr leben?! Oder ist das nur die Lebenslust, die mir fehlt? Ein aus meiner Unterwerfung vor fremden Konventionen resultierendes Schuldgefühl, diese nicht erfüllen zu können?

Was ist die Lösung, was kann ich tun? Fragen über Fragen. Aber es bringt mich immer näher an den Punkt, dass mein Leben „lebenswert“ ist. Nur die Lebenslust ist das, was mir gerade fehlt. Was ich infrage stelle. Und auch infrage stellen darf! Was führt mich zu einer Verbesserung dieses Umstands?

Mein Leben zu beenden ist anscheinend nicht die Lösung. Meinen Wert selber zu definieren hingegen schon! Das geschieht am Ende, bei genügend Lebenslust glaube ich von selbst. Zu mehr Lebenslust führt mehr Lebensqualität. Darum geht es! Und jetzt stelle ich mir die Frage, wie ich diese steigern kann.

Durch herum sitzen und nichts tun sicher nicht. Durch den ganzen Tag im Büro sitzen auch nicht. Dadurch, mein Leben im Rahmen meiner Möglichkeit aktiv zu gestalten schon eher. Damit, zu versuchen, ein „normales“ Leben zu führen aber wiederum nicht. Der Anspruch an mich selbst, „normal“ zu sein ist Nonsens. Ich kann nur so viel tun, wie mir eben möglich ist.

Eine Beziehung kann ich zum Beispiel führen! Und mir dargebotene Hilfe, die praktisch ist, die ich aber gar nicht erfragt habe, kann ich aus Ego – Gründen pauschal ablehnen. Aber welcher Vorteil geht daraus hervor? Solange mir diese Hilfe nicht diktiert, was ich zu tun habe, ist es besser, sie dankend anzunehmen.

Damit ich dann alles mitnehmen kann, um mir mehr Lebensqualität zu schaffen.

So schließt sich der Kreis. Ich beginne heute mit dem neuen Medikament, das in meiner Schublade seit einer Woche schlummert – aus Angst, Konventionen und Ansprüche nicht erfüllen zu können, wenn die Nebenwirkungen vielleicht einsetzen. Meine Ansprüche? Wahrscheinlich.

Ich esse heute irgendetwas, auf das ich Lust habe. So fange ich an!

Nachtrag d. Verf.: Es wurde Gemüsesuppe. Zu früh gefreut.