Auf Eis gelegt:
Ich warte ab

Ich liege gerade in meinem Bett, als das Handy klingelt. Ich schrecke auf und sehe auf die Uhr. „Verdammt, fast 11:30 Uhr! Wo bin ich und was mache ich … Ach ja.“

Ich bin verwirrt, denn eigentlich befinde ich mich um diese Uhrzeit mindestens auf meiner Therapie-Liege oder bin anderweitig aktiv. Die letzte Nacht war allerdings schlaftechnisch nicht von Erfolg gekrönt. Fünfmal wachte ich auf und hatte vergessen, mein Beatmungsgerät einzuschalten. „Und jetzt auch schon wieder!“ fällt es mir wie Schuppen von den Augen.

Das hatte zur Folge, dass meine Sauerstoffsättigung während des Schlafens den Jordan hinabgewandert war. Mein Gehirn ist dann nicht mehr optimal versorgt, was neben den Schlafproblemen auch eine Verminderung der Gedächtnisleistung mit sich bringt.

Ich wache also maximal gestresst und verwirrt auf und sehe, gelb hinterlegt, meinen Handy-Bildschirm blinken. Es ist mein Rückenmarks-Zentrum. Seit vielen Wochen stehe ich auf der Warteliste zur Erprobung eines Irrigations-Systems – voraussichtliche Gesamtdauer des Aufenthalts: Eine Woche.

Es ertönt eine freundlich-routinierte Stimme die mir den Vorschlag macht, doch morgen früh bis spätestens 9:30 Uhr im zweieinhalb Stunden entfernten Murnau zu sein. „Was will ich denn in Murnau?“  fragt sich meine nicht-beatmete Großhirnrinde, während das limbische System sich unsicher ist, ob es ein Lachen oder Weinen anregen soll. „Kann ich das später beantworten?“ frage ich zurück. „Wir sind wie immer komplett überbelegt, so viele Frischverletzte, ich muss das jetzt wissen!“

In mir tut sich der Verdacht auf, dass man hier – natürlich ohne böse Absicht, aber trotzdem – damit rechnet, dass der „Patient“ nicht mit Familie und Arbeit voll im Leben steht. Wobei „voll“ Auslegungssache ist. Und das mit den Beinen auch. Ein blöder Witz! „Ich kann erst ab Januar.“ lehne ich dankend ab, und mich dabei weit aus dem Fenster, unsicher ob das jetzt klug war. Die Begeisterung am anderen Ende der Leitung hält sich in Grenzen. „Jetzt schlage ich es Ihnen zum vierten Mal vor, irgendwann müssen sie es doch machen!“ „Ich weiß. Ich weiß.“

Ich denke nur, ich stehe gerade endlich mal zumindest ansatzweise im Leben. Ich arrangiere mich immer mehr mit meiner Situation, finde mich damit ab. Ich habe eine Beziehung und Arbeit, wenn ich sie wahrnehmen kann. Eine Woche ist nicht das Problem, aber ich weiß jetzt schon, dass es wahrscheinlich ein bisschen länger ginge.

Nur der Zeitpunkt stimmt einfach nicht! Ich habe Termine! Zwar nicht so viele, wie ich gerne hätte. Aber immerhin kann ich mich wenigstens etwas am Leben beteiligen! Nächste Woche steht die medizinische Fußpflege an, die Termine sind rar gesät. Der Sohn meiner Freundin kommt nachmittags immer aus der Schule, irgendwie sollte ich in der Nähe sein. Generell sollte ich da sein! Natürlich kann ich es mir einfach machen und „dem Ganzen“ entfliehen. Mit allen Konsequenzen!

Aber dann gebe ich mir nur selber die Keule, mache mich zu dem Behinderten, dessen ganzes Leben die Behinderung bestimmt. Der ich nicht sein möchte. Die Erprobung im Krankenhaus hat auch noch ein paar Wochen Zeit, die melden sich schon wieder. Wenn es richtig blöd liefe, läge ich halt flach oder es würde sonst irgendetwas geschehen – nichts Gefährliches, nur Nerviges. Ich mag jetzt nicht ins Krankenhaus!

Lieber ertrage ich diesen (nicht akuten) Zustand in dem Wissen, meinen Fuß in der Tür zu einem normalen Leben zu haben, als voll in einem durch und durch von der Behinderung gelenkten Leben zu stehen! Das ist nämlich nicht mein Ziel! Ich warte also bis Januar ab, bis die Zeit stimmt.

Bis dahin erprobe ich einfach selber den Dusch-Rollstuhl in meinem Bad. Mit dem kann man über die Toilette fahren, die Schwerkraft soll da ganz hilfreich sein. Habe ich damit gerade ein Tabuthema angesprochen? Na hoffentlich!