Grenzerfahrung:
Klappe die 1.

Heute starte ich zu einem Ausflug nach Österreich. Drei Tage, drei Nächte – einfach mal wieder raus! Da freue ich mich sehr drauf! Mit meinem besten Freund ein paar Tage verbringen, einfach hinaus aus dem Trott. Aber ich habe deswegen gemischte Gefühle. Vor allem am Morgen vor der Abfahrt.

Wenn ich morgens aufwache, habe ich zirka zehn Stunden ohne Schmerzmittel hinter mir.  Das spüre ich dann sehr. Das ist an sich kein Problem, ich bin das ja gewohnt, aber der Gedanke an die Strapazen einer langen Fahrt lassen mich dann missmutig werden.

Bis zur Abfahrt geschieht ja auch noch einiges:  ich habe eine 50/50-Chance, dass der Reisetag auf einen Abführ-Tag fällt. Wenn dem so ist und z.B. wegen der chronischen Verstopfung alles „schief“ geht, kann das den ganzen Tag und somit die Reise gefährden. Etwaige Inkontinenz ist dann einfach ein zu hohes Risiko. Aber heute stimmt zum Glück alles und die zwei Tage treffen nicht aufeinander. Ich packe, entlaste nochmal und mache mich dann auf den Weg hinüber zum Carport. Der Rutschbrett-Transfer ins Auto geht ohne Probleme von statten. Allerdings werde ich mir wegen des Sitzes etwas einfallen lassen müssen. Ich bin vom Rumpf her mittlerweile recht instabil und ich brauche was, das mich stützt. Trotzdem, schon ziemlich cool, die Sache mit dem Transfer! Das konnte ich früher nicht so. Ich weiß noch, wie mein erster Versuch an Weihnachten auf dem Bordstein endete. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nach einer halben Stunde des ruhig da sitzens merke ich, wie mir langsam mein Kreislauf flöten geht.  Es kommt eine allumfassende Müdigkeit auf mich zu, ich muss mir Mühe geben, nicht weg zu kippen. Außerdem achte ich darauf, dass meine Füße und Beine erstens gut gepolstert und zweitens richtig platziert sind. Wenn die Beine mehrere  Stunden am Armaturenbrett oder an der Autotür anliegen, kann das Druckstellen provozieren. Ich nehme also meine Lagerungskissen als Schutz her. Dabei darf man die Füße nicht vergessen, denn die Beine sind immer in der selben Position, da ist nicht viel Spielraum vor dem Beifahrersitz. Ich platziere meine Füße also regelmäßig neu. Wahnsinn, was ich mit der Zeit gelernt habe. Auch etwas, auf das ich früher nie geachtet habe.

Mit der Zeit merke ich, wie mein Unterleib und meine Beine immer weicher werden. Je weicher sie sind, desto flexibler bin ich und desto weniger Muskel–Tonus habe ich. Das ist zum platzieren praktisch, sorgt aber auch dafür, dass der Blutdruck sinkt. Das alles macht die Autofahrt dann noch anstrengender. Auf dieser Fahrt dachte ich mir, ich könnte ja meine Rückenlehne etwas weiter nach hinten stellen. Das war eine blöde Idee! Die Schmerzen, die ich dadurch hatte, wären vermeidbar gewesen. Ich überlege mir ernsthaft, den Sitz auszuwechseln. Ein guter Weg, Rückenschmerzen beim Autofahren aus dem Weg zu gehen ist übrigens, sich ganz weit nach vorne zu lehnen. Das schafft wenigstens für eine kurze Zeit etwas Linderung.

Mittlerweile sind wir da. Mir fällt auf, dass ich vergessen habe, meine Jacke anzuziehen.  Draußen hat es nur 6°, um zu einem Transfer aus dem Auto raus nimmt dann doch etwas Zeit in Anspruch. Es wäre also klüger gewesen, gleich eine Jacke anzuziehen. So kühle ich etwas aus, während ich den Assistenten koordiniere. Selbst mit Assistenten, die das schon oft gemacht haben, nimmt das doch immer einige Minuten in Anspruch.  Aber zittern hilft ja bekanntlich gegen Kälte. Nach einigen Anläufen sitze ich schließlich im Rollstuhl und fahre ins Haus.

Zusammengerechnet war das bisher zwei Transfers über das Rutschbrett und circa 4 Stunden im Rollstuhl. 3 Stunden davon auf einem nicht optimalen Sitzkissen.  Ich mache mir Sorgen um meinen Hintern und etwaige Durchblutungsprobleme – ich muss entlasten. Also wieder mit dem Rutschbrett aus dem Rollstuhl und auf das Bett. Das Bett ist circa 7 cm höher als mein Stuhl und super-weich.  Das ist echt gemein, sogar dann, wenn ich richtig fit bin! Noch dazu haben wir keine Routine als Team was den Transfer angeht . Aber da muss man durch, es hilft alles nichts. Nie wieder ohne Lifter!

Ich lasse mich vom Assistenten in den Kniekehlen aus dem Rollstuhl etwas nach vorne ziehen. Dann platzieren wir die Füße vor dem Fußbrett. Ich schwinge mit den Armen nach vorne und stütze mich auf den Bremsen ab. Derweilen schiebt der Assistent das Rutschbrett von schräg vorne unter dem Bein durch unter meinen Hintern. Er setzt sich hinter mich und packt mich am Hosenbund . Auf mein Kommando zieht er mich gleichzeitig ruckartig in Richtung Bett, während ich mich von den Bremsen abstoße und ausbalanciere. In der gesamten Zeit habe ich meinen Kopf möglichst weit vorne auf meinen Beinen platziert, damit das Gewicht möglichst nicht auf dem Hintern liegt. Problematisch ist, dass wenn ich mich zu weit nach vorne lehne, ich leicht das Gleichgewicht verlieren kann. Das Timing muss also stimmen! Außerdem darf ich dabei nicht zuviel Druck auf meinen Bauch ausüben. Das mag der Darm nämlich gar nicht und ist echt ein Scheißgefühl! Ein bisschen wie beim kinesthetischen Transfer.

Ich bin zwar fast vom Bett geflogen, aber der Transfer hat dann doch geklappt. Jetzt liege ich in meinem Bett und bin einfach nur froh. Vor einer Stunde hatte ich noch überlegt, was der Abend wohl bringen mag. Jetzt entscheide ich: ich bleibe Bett liegen! Ich bin fix und fertig. Jetzt kann ich mein Beatmungsgerät echt brauchen.

Für mich die positiven Aspekte des Tages:

– Ich habs gemacht und geschafft! Ich hätte auch liegen bleiben können als ich merkte, dass ich in Österreich keinen Lifter zur Verfügung habe. Pustekuchen!

– Meine Kompetenz ist der Grund, weshalb ich als 125kg schwerer Tetraplegiker selbstbestimmt und verletzungsfrei bis nach Österreich gekommen bin! Die hatte ich früher nicht. Ich hab echt viel dazugelernt. Wenn ich mir da andere in der Klinik so ansehe, die schon im ersten Jahr eine Druckstelle hatten, ist das nicht selbstverständlich!