Depression:
Keine Farben

Manchmal erscheint mir die Welt farbenleer und geschmacklos. Gar nicht unbedingt  im negativen Sinn – sondern einfach so neutral, ganz ohne Wertung. Wie ein leeres Blatt Papier oder eine weiße Wand. Ich weiß dann mit nichts etwas anzufangen – und mit mir schon gar nicht.

Ich empfinde dann keine Freude, mein Herz schlägt monoton vor sich hin und mein Kopf driftet ab in andere Welten. Die sind nicht hell und schön, sondern grau und trist. Oder sie befassen sich mit all den Dingen, die ich nicht kann. Oder die ich nicht habe. Und dann schüttelt es mich.

Mein Ich bäumt sich auf, zerrt an den Ketten des Unvermögens. Ich stelle mir dann all das Positive in meinem Leben vor.

Ja, früher hatte ich mehr Freunde um mich. Alte Weggefährten sind verschwunden – bist du aus den Augen, bist du aus dem Sinn. Aber die Besten sind geblieben, ich muss sie nur anrufen. Ich habe eine tolle Frau kennen gelernt. Sie hat auch ein Kind in mein Leben gebracht, in dem ich mich wiedererkennen kann, wenn ich es zulasse. Sie gibt mir jede Chance, dazuzulernen. Ist das nicht das größte Glück?

Ich habe außerdem Arbeit – neben der, die ich mir selber mache. Ich glaube aber, es ist oft zuviel. Arbeit lässt sich bei mir auch schlecht abgrenzen. Allein mein Darm-Management aufzubauen, bedeutet für mich Arbeit. Mit meinen Schmerzen und Unsicherheiten umzugehen, im Alltag damit zu leben, das ist eine unglaubliche Anstrengung! Mich jetzt in dieser Sekunde, wo der Darm wieder nicht tut wie er soll, selbst davon zu überzeugen, dass dieser Tag trotzdem einen Sinn hat – das ist meine Arbeit. Den Schlaf weggerechnet habe ich eine 126 Stunden-Woche. Und ich mache mir Gedanken über zu wenig Leistung?

Mich zum Sport und zur Bewegung anzuhalten ist auch anstrengend. Umso mehr, als dass es für mich lebenswichtig ist.

Ich habe in der Klinik Menschen kennengelernt, die nicht genug auf sich achten. Seltsam ist, dass einige trotzdem glücklich waren. Also kann körperliche Aktivität nur ein Mittel zum Zweck, ein Weg von vielen zur Selbstzufriedenheit sein. Er muss es aber nicht. Irgendetwas haben die gefunden, was ich noch nicht bemerkt habe.

Mir wird nie langweilig – und wenn nicht schon diese Tatsache etwas Positives ist, dann wenigstens das Gefühl beim lesen der letzten Sätze.

Da ist nämlich einer, der alles versucht. Mit allen menschlichen Schwächen. Ich befinde mich auf einem Weg. Der ist gerade steinig. Ich kann doch trotzdem stolz auf mich sein, oder? Zumindest sollte ich das. Wäre ich nicht selber betroffen, wäre ich von mir selbst beeindruckt. So aber zählt für mich nur das Ergebnis. Was für eine unmenschliche Sichtweise! So bin ich doch zu niemandem. Ich darf so auch nicht zu mir sein.

Ich versuche heute auf jeden Fall, aus dem Bett zu kommen. Wenn es nicht klappt, ist das okay. Das Jahr hat 365 Tage. Der heute ist beschissen…Ironie. Ich rufe mal wieder die Ernährungsberatung an. Die gibt es. Und das ist doch was echt Positives, oder?