Erkältungsflut:
Land unter

Gestern Abend hörte ich das Whatsapp bimmeln. „Schon wieder vergessen, den Käse auszustellen“ denke ich mir und greife, behände wie ein Faultier auf dem Rücken, mit einem Arm und meiner geschlossenen Hand nach meinem Telefon.

Dessen von täglichen Runterschmeiß-Orgien ramponierte Außenkante ragt immer zwischen meiner Beatmungsmaschine und dem Rand des Ikea-Küchen-Kästchens, das sich übrigens in Form und Höhe perfekt für medizinisches Gerät eignet, dunkel hervor. So dunkel, dass die in kalten Herbstnächten alles umschließende Finsternis in unserem Schlafzimmer einen nur erahnen lässt, wohin er die Faust denn, behände wie ein Faultier, krachen lassen sollte.

Nach dem gefühlt zehnten Versuch schließlich ein Erfolgserlebnis.  Ich klemme mir die Handy-Kante zwischen meinen Zeigefinger und Daumen und beschleunige das Telefon durch seitliches ziehen mit ziemlich genau 9,81 m/s im Quadrat in der vertikalen in Richtung meiner Brust. Danke Schwerkraft! „Bin leider krank, kann nicht mehr kommen“. Ich denke nach und bemerke dann, dass mich das vor ein Problem stellt.

Wer macht dann meine Pflege? Wer hilft mir im Bad – und überhaupt – we assistiert mir morgen?  Ich sehe mich um und bin froh, nicht allein zu sein. Meine Freundin ist da und das ist gut und wichtig. „Das erste Mal in den vier Jahren meiner Behinderung, dass ich in so einer Situation nicht alleine bin! Ein Glück!“ grübele ich und muss aufpassen, nicht mit einem zufriedenen Lächeln gleich wieder einzuschlafen. Das alles löst nämlich mein Problem noch nicht.

Es gibt einfach Dinge, die sollte der oder die PartnerIn nicht tun. Dazu gehört all jenes, was mit der Pflege zu tun hat.  Da entstehen Abhängigkeiten, die keiner möchte.  Ich rufe also am Morgen den Bereitschaftsdienst an, der nach einigen Fragen einspringt. Da dann positiv zu denken, fällt mir schwer.

Ich hatte in den letzten vier Jahren 17 Assistenten. Alle selber eingelernt. Und das hat jedes Mal gedauert. Ich sage, dass bei jemandem der das noch nie gemacht hat, schon mal fünf Monate ins Land gehen, bis eine gewisse Routine und Sicherheit da ist. Bei manchen kommt sie auch nie. Wie soll das also funktionieren, mit dem einen, der dann morgen Früh kommt? „Der kennt mich doch überhaupt nicht!“.  Ich bekomme schon wieder Kopfweh von meinem Stirnrunzeln.

Aber ich beschließe, darauf zu pfeifen. Zum Glück ist morgen Früh nichts dran, was irgendwie invasiv wäre oder unter Zeitdruck Stunde. Hätte ich morgen Unternehmungen mit meinem Darm vor mir, wäre das eine Katastrophe.  Denn das Darm-Management stellt man nicht nur auf einen Tages-Rhythmus ein, sondern auch auf eine gewisse Uhrzeit. Darmaktivität gibt es dann verstärkt nur in diesem Zeitrahmen. Wenn ich das verpasse, kann mich das nicht nur den Tag sondern mehrere Tage kosten.

„Deswegen: Glück gehabt!“ freue ich mich. Meine Stirn glättet sich und ich schlafe ein. Und hey, positiv denken hat sich gelohnt. Es ist jetzt dann 15.30 Uhr, ich habe mit meiner Freundin gefrühstückt, habe davor gut geschlafen. Ich war kurz draußen und hatte Zeit, der besten Hühnernudelsuppe der Welt und diesem Text hier zu fröhnen.

Ich war so selbstständig wie möglich und mit dem „unbekannten“ Assistenten hat auch alles geklappt.  Jetzt bin ich müde weil saumäßig erkältet. Ich gehe wieder ins Bett.

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